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Kurzcharakterisierung wichtiger Ursprungslehren
Die Position der Studiengemeinschaft Wort und Wissen

I. Charakterisierung von Ursprungslehren


Erklärungsansätze zur Entstehung der Welt, des Lebens und des Menschen werden als Ursprungslehren bezeichnet. Folgende Ursprungslehren werden heute vor allem vertreten:

1. Naturalistisch-atheistische Evolutionslehre. Nach dieser Position soll der Ursprung der Welt, des Lebens und des Menschen g√§nzlich ohne R√ľckgriff auf √ľbernat√ľrliche Faktoren erkl√§rt werden. Sie wird von der √ľberw√§ltigenden Mehrheit der Biologen (nicht unbedingt der Naturwissenschaftler insgesamt) i.d.R. mit Absolutheitsanspruch (s. II.) als einzige wissenschaftlich vertretbare Ansicht gelehrt und dominiert alle Medien.

2. Kreationismus im Sinne von ‚ÄěCreation Science‚Äú. Hier wird der Sch√∂pfungsbericht der Bibel als quasi-naturwissenschaftlicher Text aufgefa√üt. Es wird explizit ein astronomisch-geologisch-biologisches Verst√§ndnis dieser Texte vertreten. Ein sehr niedriges Alter der Erde und des Lebens sowie die Tatsache der Sch√∂pfung wird h√§ufig f√ľr wissenschaftlich bewiesen angesehen. In der Regel wird ein Absolutheitsanspruch (s. II.) vertreten und jedes andere Verst√§ndnis der biblischen Texte und der naturwissenschaftlichen Daten grunds√§tzlich abgelehnt.

3. Theistische Evolutionslehre. Evolution wird zwar akzeptiert, aber nicht als naturalistisch-ungesteuerter Vorgang betrachtet, sondern: Gott erschuf die Welt und das Leben durch den Evolutionsprozeß. Diese Position wird besonders, aber nicht ausschließlich, in den großen Kirchen in Deutschland vertreten.

4. Intelligent Design (ID). Nach dem Ansatz des ID soll durch wissenschaftliche Analyse nachgewiesen werden, da√ü aus der Struktur des Kosmos und des Lebens auf einen ‚ÄěDesigner‚Äú (Planer, Sch√∂pfer) geschlossen werden kann. Obwohl in der westlichen Welt v.a. von Christen vertreten, macht die ID-Bewegung keine Aussage √ľber Identit√§t oder Attribute des Designers und legt keine spezielle religi√∂se Offenbarung zugrunde. Deshalb ist sie grunds√§tzlich auch mit anderen Religionen kompatibel und damit religi√∂s relativ neutral.

5. Biblische Sch√∂pfungslehre. Die biblischen Schilderungen der Urgeschichte im Buch Genesis werden als historisch zuverl√§ssig betrachtet. Das hei√üt, sie werden nicht nur theologisch verstanden, sondern auch als zwar nicht detaillierte, aber allgemeinverst√§ndliche, wirkliche Beschreibungen grundlegender Ereignisse der Sch√∂pfung und Urzeit. Es handelt sich also um Texte, die auch bez√ľglich ihrer Aussagen √ľber die Natur zutreffend sind, aber es sind keine naturwissenschaftlichen Texte (z.B. mit einer spezifisch-exakten Fachsprache) im neuzeitlichen Sinn. Auf der Grundlage eines theologisch-heilsgeschichtlichen Verst√§ndnisses der gesamten Bibel wird versucht, naturwissenschaftliche Daten, welche die Herkunft der Welt und des Lebens betreffen, im Kurzzeitrahmen der biblischen Urgeschichte zu deuten. Dieses Verst√§ndnis der biblischen Sch√∂pfungstexte entspricht f√ľr Vertreter der biblischen Sch√∂pfungslehre am ehesten der Aussageabsicht der Urgeschichtstexte. Sie sind aber bereit, ihr theologisches, historisches und naturkundliches Verst√§ndnis der Urgeschichte auf den jeweiligen wissenschaftlichen Fachebenen zu diskutieren. Sie erheben keinen wissenschaftlichen Absolutheitsanspruch f√ľr ihre Hypothesen und Theorien.

II. Woran kann ein ‚ÄěAbsolutheitsanspruch‚Äú erkannt werden?


Ein Absolutheitsanspruch kann beispielsweise an folgenden Merkmalen erkannt werden:

  • Alle konkurrierenden Denkmodelle werden kategorisch abgelehnt.
  • Es wird behauptet, da√ü keinerlei ernstzunehmende Argumente gegen die eigene Position existieren.
  • Die Berichterstattung ist deutlich tendenzi√∂s.
  • Die Darstellung von Gegenargumenten wird unterdr√ľckt, notfalls durch Zensur.
  • Vertreter konkurrierender Ansichten werden pers√∂nlich in beleidigender Weise angegriffen (Polemik).

III. Die Position der Studiengemeinschaft Wort und Wissen


Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen (W+W) vertritt eine biblische Schöpfungslehre und ist somit der 5. Position zuzuordnen. Zur Verdeutlichung soll die Position von W+W mit den anderen Ursprungslehren verglichen werden.

1. Mit der naturalistisch-atheistischen Evolutionslehre teilen wir die Methodik der wissenschaftlichen Forschung. Im Unterschied zu dieser Position betrachten wir diese Methodik jedoch nicht als ausreichend, um die Ursprungsfrage letztlich zu beantworten. Den Absolutheitsanspruch einer naturalistischen Position weisen wir aufgrund erkenntnistheoretischer, wissenschaftstheoretischer und naturwissenschaftlicher Argumente entschieden zur√ľck. Die Erkenntnism√∂glichkeiten mit Hilfe der wissenschaftlichen Methodik sollen jedoch nach allen Regeln der Wissenschaftskunst ausgelotet werden.

2. Mit dem Kreationismus gemeinsam ist der Glaube an die historische Zuverlässigkeit der biblischen Schilderungen und die Hinterfragung der Evolutionslehre als umfassendes Allerklärungsmodell. Im Unterschied zum Kreationismus verzichten wir auf einen Absolutheitsanspruch im Problemkreis der Wissenschaft. In Fragen der Auslegung biblischer Texte meinen wir, eine dem Selbstanspruch der Urgeschichtstexte im Wesentlichen gemäße Position zu vertreten. Darin und in Fragen des Verhältnisses von Aussagen der Heiligen Schrift zu wissenschaftlichen Erkenntnissen sind wir aber diskussions- und lernbereit. Mit dem Verzicht auf einen Absolutheitsanspruch ist im einzelnen gemeint:

  • Wir wollen konkurrierende Denkmodelle respektieren und nicht ‚Äěbek√§mpfen‚Äú, sondern uns sachlich-kritisch mit ihnen auseinandersetzen.
  • Wir r√§umen ein, da√ü ernstzunehmende Argumente gegen unsere eigenen fachlichen Positionen existieren.
  • Uns bekannte Gegenargumente sollen in unseren eigenen Publikationen angemessen zur Sprache kommen.
  • Wir bem√ľhen uns in Berichterstattungen um faire und ausgewogene Darstellung.
  • Wir achten Vertreter konkurrierender Ansichten, greifen sie nicht pers√∂nlich an und wollen Polemik in jeder Form vermeiden.

Die Formulierungen ‚Äěwollen‚Äú und ‚Äěbem√ľhen‚Äú sollen zum Ausdruck bringen, da√ü wir uns bewu√üt sind, nicht fehlerlos zu sein. Doch d√ľrfen Kritiker uns an den genannten Punkten messen.

Wir weisen allerdings auf den Absolutheitsanspruch hin, den Jesus Christus nach dem Zeugnis des Neuen Testaments f√ľr seine Person und sein Wirken beansprucht hat. Dazu geh√∂rt auch, dass Jesus mit der historischen Wirklichkeit und theologischen Wahrheit von Ereignissen der biblischen Urgeschichte argumentiert hat. Dies geschieht aber zeugnishaft und nicht unter Einsatz wissenschaftlicher Argumentation.

Wir stellen an uns selbst den Anspruch, mit der wissenschaftlichen Argumentation √ľbliche Qualit√§tsstandards zu erf√ľllen, und wollen uns daran messen lassen.

3. Mit theistischen Evolutionslehren gemeinsam ist die Ablehnung der Lehre von der Evolution als naturalistisch-ungesteuertem Vorgang. Dar√ľber hinaus lehnen wir allerdings auch die Lehre von einer wie auch immer gesteuerten Evolution ab, weil dem nach unserer √úberzeugung eine Reihe gewichtiger theologischer Argumente entgegenstehen.

4. Mit dem Ansatz des Intelligent Design (ID) teilen wir die √úberzeugung, da√ü die Struktur des Kosmos und des Lebens durch wissenschaftliche Analyse auf testbare und widerlegbare ‚ÄěDesign-Signale‚Äú untersucht werden kann. Der Nachweis solcher Design-Signale liefert aber keinen Beweis f√ľr Sch√∂pfung. ID-Argumente eignen sich in der Regel problemlos als ‚ÄěModule‚Äú f√ľr die biblische Sch√∂pfungslehre. Der ID-Ansatz hilft auch, verschiedene Argumentations- und Begr√ľndungsebenen auseinanderzuhalten. √úber ID hinaus bekennen wir uns aber ausdr√ľcklich zum Gott der ganzen Bibel und speziell zur Historizit√§t der biblischen Urgeschichte.

IV. Stellenwert wissenschaftlicher Argumente


Genauso wie wir der Auffassung sind, da√ü mit wissenschaftlichen Argumenten der Naturalismus (Position 1) nicht bewiesen werden kann, halten wir wissenschaftliche Argumente nicht f√ľr geeignet, um die Wahrheit der Bibel zu beweisen. Dies wurde in unserer Arbeit nie angestrebt. Wissenschaftliche Argumente haben ihren Platz im Rahmen einer vorgegebenen Ursprungslehre und sie haben Bedeutung in der Abwehr von unberechtigten Absolutheitsanspr√ľchen und √ľberzogenen Behauptungen.

V. Trennung von Argumentationsebenen


Ausgesprochen wichtig ist es uns, in den Kontroversen um die Ursprungsfrage verschiedene Argumentationsebenen auseinanderzuhalten. Das gilt zum einen f√ľr die Unterscheidung theologischer und naturwissenschaftlicher Argumente und Begr√ľndungen, zum anderen auch f√ľr die Trennung von Evolutionskritik und Ans√§tzen im Rahmen der Sch√∂pfungslehre oder von ID. Konkret bedeutet das z. B.:

  • Naturwissenschaftliche Evolutionskritik ist unabh√§ngig vom weltanschaulichen Hintergrund des Kritikers zul√§ssig und notwendig. Eine Theorie, die sich der Kritik nicht stellt, ist nicht wissenschaftlich.
  • Die wissenschaftliche Qualit√§t einer Evolutionskritik h√§ngt nicht davon ab, wie gut alternative Ursprungslehren begr√ľndet sind.
  • Die Berechtigung f√ľr theologische Evolutionskritik h√§ngt nicht davon ab, wie gut Evolutionslehren naturwissenschaftlich begr√ľndet sind.
  • Der ID-Ansatz, der ohne spezielle Theologie und ohne konkrete Gottesvorstellung auskommt, kann als solcher nicht mit speziellen theologischen Argumenten kritisiert werden (zum Beispiel mit dem Hinweis auf einen pfuschenden Designer und dergleichen). Solche Kritik trifft im √ľbrigen alle theistischen Ursprungslehren; die Kritik mu√ü zum einen im ID-Rahmen, d.h. unspezifisch-theologisch und dar√ľber hinaus im Rahmen spezieller Offenbarung (f√ľr uns biblisches Christentum) spezifisch beantwortet werden.

Selbstverst√§ndlich k√∂nnen und sollen die verschiedenen Ebenen auch zusammengef√ľhrt werden. Das ist sogar ein Kernanliegen der Studiengemeinschaft Wort und Wissen im Sinne der 5. Position. Doch beinhaltet diese Zusammenf√ľhrung immer eine weltanschauliche Grenz√ľberschreitung, die als solche unbedingt kenntlich zu machen ist.

14. 11. 2005; letzte Aktualisierung: 21. 2. 2008


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